Go to Onlineshop

HOTLINE: 07243 - 33560

„Ich liebte einfach das Gefühl, diese Autos zu fahren“

INTERVIEW - DEREK BELL

Fünfmal hat Derek Bell die 24 Stunden von Le Mans gewonnen. Doch wenn er von den Rennen erzählt, die ihm persönlich wichtig sind, spricht er nicht nur von Siegen. Die hätten sich ohnehin zunächst einmal angefühlt wie „die größte Ernüchterung der Welt“.

Mit Holbert und Stuck gewann Derek Bell 1987 zum fünften Mal die 24 Stunden von Le Mans / Sutton Images
Mit dem Porsche 962C fühlte sich Derek Bell auf ganz besondere Weise verbunden

Mr. Bell, Sie sind über Jahrzehnte Rennen gefahren. Welches war für Sie persönlich das unvergesslichste?
Bell: Nun ja, ich hatte eine lange Karriere, obwohl das so nicht geplant war. Ich dachte, ich würde mich mit um die 40 zurückziehen, so wie das viele gemacht haben – wenn sie nicht im Rennwagen umgekommen sind. Es kamen also eine ganze Menge Rennen zusammen. Gut 45 Jahre Revue passieren zu lassen und ein einziges Rennen auszuwählen, ist nicht so einfach. Es gibt so viele Momente, wenn man mal darüber nachdenkt. Aber der denkwürdigste Moment für mich war ganz klar, als ich in Le Mans 1995 mit meinem Sohn Justin Dritter wurde. Noch dazu am Vatertag! Ich meine, wer hat schon die Gelegenheit, so etwas zusammen mit seinem Sohn zu tun?

Und aus der Sicht von Derek Bell als Rennfahrer, welches war das beste Rennen?
Bell: Das ist eine ganz andere Sache. Eines der besten Rennen zumindest war 1983. Jacky Ickx und ich versuchten, das dritte Mal in Folge Le Mans zu gewinnen. Aber wir haben nicht gewonnen. Wir wurden Zweite. Als Rennfahrer will man gewinnen, klar. Aber wenn man bedenkt, wie der Rennverlauf in jenem Jahr war und welche Probleme wir hatten, dann ist dieser zweite Platz vielleicht ein größerer Erfolg als der Sieg in einem anderen Rennen.

Was war so problematisch?
Bell: Vieles lief nicht optimal. Jacky wurde schon sehr früh im Rennen angerempelt. Trotzdem haben wir es geschafft, eine Runde aufzuholen, ohne mehr Sprit zu verbrauchen. Dann, als ich gerade in Führung gegangen war, verabschiedete sich auf der Mulsanne-Geraden die Elektronik. Das war morgens um sechs. Nicht eben die beste Zeit für so was, zumindest nicht meine beste Zeit für so was. Ich fuhr zur Seite, stieg aus und hob das verdammte Heck vom Auto, was normalerweise drei Leute machen und nicht ein Einziger. Gott sei Dank hatte ich Norbert Singer zwei Tage zuvor gut zugehört. Ich wusste also, dass ich den Kurbelwellensensor tauschen musste und die Verkabelung der beiden Zündspulen. Na ja, ich hatte noch nie im Leben irgendwelche Zündspulen neu verkabelt, außer vielleicht wenn ich an dem alten Jeep auf der Farm herumfrickelte. Aber ganz bestimmt nicht in so einer Situation. Wobei das eigentliche Glück ja schon darin bestand, dass das Auto so ausrollte, dass ich niemandem im Weg war. Manchmal sind es solche Dinge, die entscheiden, ob du überhaupt im Rennen bleibst oder nicht.

Würden Sie zustimmen, dass sich in Langstreckenrennen zwischen Ihnen und dem Auto eine Art Intimität einstellte, die das Auto beinahe in ein lebendiges Wesen oder zumindest in etwas anderes als nur einen toten Gegenstand verwandelte?
Bell: Ja, absolut. Aber wenn man erzählt, dass man das Auto fast hätte streicheln wollen, wenn man mit ihm diese ganze Minute lang Vollgas Mulsanne entlangraste, dass man mit ihm hätte sprechen können wie mit einem Hund oder einem Pferd: „Komm schon, wir schaffen das, wir können das zusammen gewinnen“, dann kann es gut sein, dass es heißt: „Wovon zur Hölle redet der da?“ Aber ja, es entsteht eine unglaubliche Nähe zwischen dir und dem Auto, eine Intimität, besonders in der Nacht, wenn du in diesem Kokon von Cockpit ganz allein bist mit dem Auto. Draußen die Dunkelheit, drin nichts als das Leuchten der Instrumente, und nur die Nadel des Drehzahlmessers bewegt sich ganz leicht um die 8000. Das ist fast unheimlich, eine surreale Erfahrung. Die Sache ist ja die, dass man das Auto so schnell fahren musste, wie es ging, im Hinblick darauf, das Rennen auch zu Ende zu fahren. Und dazu musste man jederzeit spüren, ob sich das Auto wohlfühlte oder nicht.

Heißt das auch, dass ein wirklich guter Fahrer bei Langstreckenrennen nicht im Wesentlichen oder nicht allein ein schneller Fahrer sein muss?
Bell: Nein, das ist nur eine von vielen Fähigkeiten, die es braucht. Normalerweise wird über so etwas nicht groß gesprochen. Aber ich erinnere mich, dass es John Wyer einmal auf den Punkt brachte, als er von Pedro Rodriguez sprach und meinte, der habe das großartigste mechanische Einfühlungsvermögen überhaupt gehabt. Wyer meinte, man müsse ein Händchen haben, um jede einzelne Vibration, jede noch so kleine Veränderung am Auto erspüren zu können. Man musste sozusagen ein Teil des Autos werden, oder das Auto musste ein Teil von dir werden, und für mich fühlte sich der Porsche 962 fast so an, als wäre er ein Teil meines Körpers gewesen.

   

Als einer der erfolgreichsten Sportwagen- Rennfahrer überhaupt, wie definieren Sie persönlich Ihren Erfolg? Oder, um es anders auszudrücken: Was ist im Rennsport zu gewinnen und was zu verlieren?
Bell: Wenn man gewonnen hat, fühlt es sich zunächst an wie die größte Ernüchterung der Welt. Du hast alles dafür gegeben, um zum Beispiel Le Mans zu gewinnen oder auch nur um ins Ziel zu kommen. In einem Jahr verausgabte ich mich auch der extremen Hitze wegen mal so sehr, dass man mich hinterher auf ein Eisbett legte, um meine Körpertemperatur herunterzukühlen, und ich hatte einen Tropf in beiden Armen. So liegt man da und ist trotzdem high, weil man ja gewonnen hat. Jacky Ickx hat mich mal gefragt, ob ich eigentlich wisse, wie viele Langstreckenrennen ich gewonnen habe. Und ich sagte ihm, dass ich keine Ahnung hätte. Aber man muss sich das nur mal vorstellen, vor dem Rennwochenende seine Frau zu küssen und ihr auf Wiedersehen zu sagen, obwohl man doch nicht wusste, ob man sich wiedersehen würde. Das hat man nicht sagen können, oder? Und das waren extreme Gefühle, aber so war es. Waren wir verrückt? Ich schätze, ich muss ein Fatalist gewesen sein. Wenn es passieren sollte, würde es passieren. Ich machte das alles der Herausforderung wegen und weil ich es irgendwie liebte. Ich liebte einfach das Gefühl, diese Autos zu fahren.

Heute ist Derek Bell auch als Botschafter für Grandprix Originals tätig, die dem Briten eine eigene Kollektion gewidmet haben

ZUR PERSON - Derek Bell

DEREK REGINALD BELL, Member of the Order of the British Empire, wurde am 31. Oktober 1941 in Pinner im Nordwesten Londons geboren. Sein erstes Autorennen bestritt er am 13. März 1964 in einem Lotus Seven in Goodwood. Bell gewann. Schnell fuhr er Formel 3 und Formel 2 und hatte bald Angebote, in die Formel 1 zu wechseln. 1968 startete er in Monza für Ferrari zu seinem ersten Formel-1-Lauf. Ungleich erfolgreicher allerdings war Derek Bell im Rennsportwagen. 26-mal bestritt er zwischen 1970 und 1996 die 24 Stunden von Le Mans. Er gewann fünfmal und fuhr zwölfmal in die Top Five. 1986, 1987 und 1989 siegte er bei den 24 Stunden von Daytona und konnte die 1000 Kilometer am Nürburgring und in Spa für sich entscheiden. Er war zweifacher Sportwagen-Weltmeister. Und er ist ein sehr freundlicher Gesprächspartner.

Das Interview führte Motor Klassik-Mitarbeiter Michael Orth

Zurück

© 2006 - 2019 Grandprix Originals by Dakota | All Rights Reserved